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Alzheimerkranke

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Physiotherapie auch für Alzheimerkranke

Zahlreiche Studien haben bereits die positiven Auswirkungen von Bewegungsübungen bei älteren Menschen belegt. Doch gibt es bislang kaum Untersuchungen, die solche Effekte speziell bei Patienten mit Demenz geprüft haben. Eine in der Fachzeitschrift JAMA Internal Medicine veröffentlichte randomisierte, kontrollierte und halbverblindete Studie einer finnischen Forschergruppe hat diese Lücke nun geschlossen [1]. Deutsche Experten begrüßen, dass nun ein Nachweis der Effektivität individueller Physiotherapie gelungen ist.

 

Die Studie war überfällig

Für die Autoren um Dr. Kaisu H. Pitkälä vom Department of General Practice der Universität von Helsinki war eine solche Untersuchung längst überfällig: „In den letzten Jahrzehnten war die pharmakologische Forschung sehr aktiv, trotzdem scheint kein wesentlicher Durchbruch in Sicht“, schreiben sie. Die Forschungen zu nicht-medikamentösen Therapien hätten dagegen vielversprechende Ergebnisse erzielt.

 

Das Team um Pitkälä interessierte deshalb, welche Auswirkungen eine intensive und langfristige Bewegungstherapie auf die körperliche Funktion und Mobilität von Alzheimer-Patienten hat. Außerdem wollten sie herausfinden, welche Kosten durch eine solche Strategie auf die Gesundheits- und Sozialdienste zukommen könnten.

 

Für die Studie wurden zwischen 2008 und 2009 insgesamt 210 mindestens 65 Jahre alte Demenzkranke ausgewählt, die von einem Ehepartner zu Hause gepflegt wurden. Die Patienten sollten zwar noch selbstständig gehen können (eine Gehhilfe war erlaubt), sollten aber eine nachlassende Gehgeschwindigkeit und eine ungewollte Gewichtsabnahme aufweisen. Voraussetzung für die Teilnahme an der Studie war zudem, dass sie schon mindestens einmal im vergangenen Jahr gestürzt waren.

 

Es erfolgte eine randomisierte Aufteilung der Studienteilnehmer in 3 Gruppen à 70 Patienten: Die Mitglieder der ersten Gruppe wurden 12 Monate lang zweimal wöchentlich für eine Stunde von einem Physiotherapeuten zu Hause besucht. Bei einer weiteren Gruppe wurden die Übungen in derselben Regelmäßigkeit in einer Tagespflegestätte durchgeführt; 2 Physiotherapeuten leiteten dabei jeweils 10 Patienten an.

 

Die dritte Gruppe diente als Kontrollgruppe und erhielt die übliche Betreuung durch das finnische Gesundheitssystem, welches auch ein physiotherapeutisches Angebot mit einschließen konnte.

 

Bei allen teilnehmenden Patienten wurden zum Start der Studie und nach 3, 6 und 12 Monaten die funktionellen Fähigkeiten bzw. die Mobilität mit Hilfe des funktionalen Selbstständigkeitsindex (Functional Independence Measure, FIM) bzw. der Short Physical Performance Battery (SPPB) gemessen.

 

Der FIM liefert einen Index zwischen 18 und 126; 18 Merkmale wie z.B. Körperpflege, Gedächtnis oder Blasenkontrolle werden hierbei mit einer Punktzahl von 1 (totale Hilfestellung) bis 7 (völlige Selbständigkeit) bewertet. Beim SPPB werden unter anderem die Gehgeschwindigkeit und die Balance überprüft.

 

Geringe, aber klinisch bedeutsame Wirkungen

Es zeigte sich, dass die zwölfmonatige Bewegungstherapie in keiner der 3 Gruppen den fortschreitenden Verlust körperlicher Fähigkeiten komplett zum Stillstand bringen konnte. Bei den physiotherapeutisch betreuten Patienten verlangsamte sich dieser Prozess jedoch signifikant im Vergleich zu den Teilnehmern der Kontrollgruppe.

 

Zwar ergaben sich hinsichtlich der Mobilität keine wesentlichen Unterschiede zwischen den 3 Gruppen, doch unterschieden sich die funktionellen Fähigkeiten der zu Hause trainierten Gruppe nach 6 und 12 Monaten signifikant von denen der Kontrollgruppe: Innerhalb eines Jahres hatte sich der FIM-Index der Trainingsgruppe im Mittel nur um 7,1 Punkte verschlechtert, der Index der Kontrollgruppe war dagegen um 14,4 Punkte gesunken.

 

Die Autoren räumen ein, dass der Unterschied von letztlich etwa 7 Punkten auf der FIM-Skala nicht sehr viel ist. „Wir glauben jedoch, dass diese 6-prozentige Differenz klinisch bedeutsam ist, da sie eine geringere Hilfsbedürftigkeit bei verschiedenen Aktivitäten des täglichen Lebens anzeigt“, heißt es in der Studie.

 

Auch Dr. David Prvulovic von der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main stellte im Gespräch mit Medscape Deutschland heraus: „Dass regelmäßige körperliche Aktivität das Demenz-Risiko verringern und in einem geringen, aber signifikanten Umfang die kognitiven Funktionen bei Betroffenen verbessern kann, ist lange bekannt. Für einen positiven Effekt auf die Funktionalität im Alltag lag bislang aber keine Evidenz vor.“ Das Besondere an dieser Studie sei deshalb der Nachweis, dass Patienten in ihrem Alltagsleben von der Therapie profitieren können.

 

Die Gruppentherapie war weniger erfolgreich

Überrascht zeigten sich Pitkälä und ihr Team allerdings von dem Umstand, dass die gruppenweise in Pflegeeinrichtungen therapierten Alzheimer-Patienten sich in ihren funktionellen Fähigkeiten am Ende nicht signifikant von den Mitgliedern der Kontrollgruppe unterschieden.

Auf Nachfrage von Medscape Deutschland erklärte Pitkälä, dass dieses Resultat damit zusammenhängen könnte, dass 7 Personen die Gruppentherapie gar nicht erst begonnen hatten und die restlichen Patienten häufiger nicht zu den vereinbarten Terminen erschienen waren. Dies hätte sich auf die Ergebnisse und die Aussagekraft der Studie ausgewirkt.

Eine ähnliche Ansicht vertrat auch der auf Alzheimer-Forschung spezialisierte Prvulovic: „Die Patientenzahlen waren in dieser Untersuchung zwar größer als bei vergleichbaren vorangegangenen Studien. Aber sie waren doch nicht groß genug, um verhindern zu können, dass außergewöhnlich gute oder schlechte Resultate Einzelner das Endergebnis beeinflussen.“

Die geringen Effekte der Gruppensitzungen erklärte er aber auch mit einem fehlenden individuellen Therapieplan: „Man muss sich in der Gruppe immer auf einen kleinen gemeinsamen Nenner einigen, einige Teilnehmer waren deshalb vielleicht unter-, andere überfordert.“

Pitkälä resümierte: „Während die Teilnehmer zu Hause Übungen in Bereichen durchführten, in denen sie bereits Probleme hatten, führten die Patienten in den Gruppensitzungen ein festgelegtes Programm durch.“

 

Und es kostet nichts extra

Interessant an den Resultaten der finnischen Studie ist nicht zuletzt, dass sich die Ausgaben für Gesundheits- und Sozialdienste für die Patienten und ihre Ehepartner durch das intensive und langfristige Programm nicht wesentlich erhöhten.

Dabei waren die physiotherapeutischen Behandlungen ein bedeutender Kostenfaktor: 568.398 Euro kosteten nach einer Aufstellung in der Studie die Hausbesuche der Therapeuten, mit 682.320 Euro schlugen die Gruppensitzungen inklusive Transportkosten zu Buche.

Das trotzdem kostenneutrale Ergebnis erklärt Prvulovic mit der verringerten Inanspruchnahme der öffentlichen Dienste durch die Teilnehmer der Interventionsgruppen: „Wer weniger auf Hilfe und Betreuung angewiesen ist, verursacht natürlich auch weniger Kosten.“ Die Ergebnisse wären vielleicht sogar noch besser, wenn die Therapie in einem früheren Krankheitsstadium begonnen würde, meint er.

Außerdem sieht der Mediziner noch erhebliches Potenzial zur Kostensenkung. Sein Vorschlag: „Viel Geld könnte gespart werden, wenn die Physiotherapeuten nur in der Initialphase zu den Betroffenen nach Hause kommen. Die Ehepartner könnten die Übungen mit dem Betroffenen nach Anleitung weiterführen. Die Therapeuten validieren das Programm allerdings noch in regelmäßigen Abständen. Wenn sich dann herausstellt, dass ein solches Bewegungsprogramm nicht nur kostenneutral ist, sondern auch zu Einsparungen führt, wären bestimmt auch bald die Krankenkassen interessiert.“ Nachweis: aus Medscape Deutschland

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